Wie Michael Mayos Stimmakrobatik Hancock und Rosalía aufpfeffert


Lesezeit: 4 Minuten


Aufnahme vom 1. Oktober 2025 im Studio ConcertLab, Utrecht (NL)

Rezension der Europatournee 2025 des Jazzvokalisten Michael Mayo

Die Chance, sich unverhofft in einem Konzert von Weltformat wiederzufinden, ist bei Jazzevents in Almuñécar, Spanien, erstaunlich groß. Der mir unbekannte Michael Mayo hatte als Referenz ein Tiny-Desk-Concert auf YouTube zu bieten. Quasi Qualitätssiegel. Also kaufte ich Karten in der ersten Reihe, und ließ mich überraschen.

Beim ersten Stück betete ich, dass es nicht den ganzen Abend so weitergehe. Und der Himmel hat mich erhört.

Vokaler Kunstflug

Michael Mayo ist für das Ohr gewöhnungsbedürftig. Seine Stimme bewegt sich wie ein Flieger im Kunstflug. Das Auf und Ab über Oktaven – manchmal mehrere Oktaven von einem Ton zum anderen – lässt einen an die Wahrnehmungsgrenzen kommen.


Im Gegensatz zum Kunstflug, bei dem man froh ist, schnell wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, machen diese stimmlichen Kapriolen jedoch mit jeder Parabel, Rolle, jedem Trudel und Überschlag mehr Spaß.


Mayo präsentiert sein neues Album „Fly“, also ist der Vergleich mit dem Kunstflug gar nicht so weit hergeholt. Erschienen (Spotify) am 4. Oktober 2024, dann am 5. September 2025 in der „Deluxe Edition“.


Inhalt: Eigenkompositionen und Standards. Wobei Letztere aufgrund seiner exzessiven Virtuosität gar nicht so leicht wiederzuerkennen sind.

Aufnahme vom 8. September 2025, Tiny Desk Concert, Washington (USA)

Lackierte Nägel und charmant Spanisch sprechend

Der 33-Jährige aus Los Angeles mit seinen schwarz lackierten Fingernägeln moderiert das Konzert, und zwar abwechselnd auf Englisch und in einem charmanten, recht guten Spanisch. Nach seinen Worten das erste Mal! Was ihm gleich die Herzen des Publikums sichert, die ihm an manchen Stellen durch Zuruf Vokabular spenden.


Beeindruckend seine Interpretation des Standards „I Didn’t Know What Time It Was“, Rodgers und Hart, bei der er anmerkt, dass er erst dank der Interpretation der (nur drei Jahre älteren!) zweifachen Grammy-Preisträgerin Cécile McLorin Salvant die Stärke dieses Stücks erkannt hatte. Auch ihr konnten wir übrigens ein paar Jahre früher in Almuñécar lauschen.

Von McLorin zu Rosalía zu Hancock und zurück

Dann verblüffte er mit seiner Version der Komposition „La Fama“ des spanischen Pop-Superstars Rosalía. So kann selbst Bachata für Jazz-Freestyle-Vokalisten als kreativitätsfördernde Vorlage dienen.


Im Herbst 2018, also erst 26-jährig, nahm ihn der Großmeister des Jazz Herbie Hancock mit auf eine Südamerikatournee. Dem ebenso geschmeichelten wie angesichts dieser gepfefferten Aufgabe erschrockenen Mayo, er könne etwas falsch machen, habe Hancock gesagt, er soll einfach sich selbst sein. Das macht er weiter. Wer die Chance hat, ihn live zu sehen, möge sie ergreifen. Eingefleischte Jazzer haben jedoch sicher auch Freude an Mayo aus der Dose, sei’s auf Spotify, YouTube oder altmodisch auf Tonträger.

Aufnahme vom 5. August 2025 einer Eigenkomposition im ConcertLab, Utrecht (NL), in der Besetzung der aktuellen Tour

Line-up:

Michael Mayo: Gesang und Effekte
Andrew Freedman: Flügel und Nord Stage 4
Kyle Miles: E-Bass
Robin Baytas: Schlagwerk

Tourdaten im deutschen Sprachraum:

München, Samstag, 18. Oktober 2025, 19 h, Bergson Kunstkraftwerk,
Frankfurt, Dienstag, 19. März 2026, 20 h, HR-Sendesaal

Michael Mayo trat im Rahmen des Festivals Jazz en Otoño am 10. Oktober 2025 in Almuñécar auf. Hier die Bühne, bevor die Formation sie betrat.


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2 thoughts on “Wie Michael Mayos Stimmakrobatik Hancock und Rosalía aufpfeffert

  1. Guten Morgen, lieber Helmut.
    Hab Dank für Deinen – wie immer – sehr interessanten Kommentar über diesen sicher aussergewöhnlichen Jazzinterpreten und Stimmakrobaten.
    Gefällt mir sehr gut, wenn auch – wie Du schon sagst – gewöhnungsbedürftig.

    Gestern Nacht habe ich mich mit Artur Rimbaud beschäftigt, der in seinem kurzen Leben die Dichterwelt auf den Kopf gestellt hat und so manches Mal auch vor denselben gestossen hat.

    Ich finde, die beiden haben durchaus etwas gemeinsam: Sie brechen mit Regeln und stellen neue auf, bieten etwas vorher nicht Dagewesenes, dem man zunächst mit Überraschung begegnet und es dann als das erkennt, was es ist – genial.

    Danke für diese Erweiterung meines musikalischen Horizonts, der – das möchte ich hier nicht unerwähnt lassen – nun um einen hellen Stern ärmer ist.
    Ein Stern namens Klaus Doldinger, den ich seit nun fast fünfzig Jahren zu meinen Lieblingen zähle. Einer meiner musikalischen Schätze, die ich seit genau so langer Zeit noch immer hüte, ist das hier:

    Enjoy!

    Euch einen schönen Sonntag und alles Liebe.
    Elke

    Liked by 1 person

    1. Liebe Elke,

      vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar!

      Den Tod von Klaus Doldinger hatte ich nicht mitbekommen. Traurig, aber danke für die Info. Er war ja mindestens im deutschsprachigen Raum eine Ikone, wenn ich auch zugeben muss, dass ich gerade kein Stück von ihm im Ohr hätte abrufen können.

      Jedenfalls schön, von dir zu hören!

      Alles Liebe

      Helmut

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