Wie Wes Anderson es schafft, mich im richtigen Film, aber im falschen Leben wiederzufinden.

Eine höchst subjektive Rezension des aktuellen Kinofilms „The Phoenician Scheme“

Im Kinosaal saßen wir zweimal. Einmal war zu wenig. Mit einer Handvoll anderer Fans. Oder vielleicht mit Verirrten, die sich buchstäblich im falschen Film wiederfanden.
Die dürftige Besucherzahl wirft entweder ein Licht auf meinen dubiosen Kulturgeschmack oder auf die mangelnde Massentauglichkeit der Meisterwerke des Regisseurs oder eventuell auf den Mangel der Massen, seine subtil-surrealistisch-anarchistische Erzählkunst und Ästhetik zu rezipieren und zu ästimieren.

Zur Perfektion gebrachte Verschrobenheit

Das Schaffenswerk Wes Andersons, so muss ich zu meiner Schande gestehen, habe ich erst vor Kurzem entdeckt. Und fast alles seiner Kameralinsensuppe binnen weniger Wochen verschlungen („Bottle Rocket“, „The Royal Tenenbaums“, „The Darjeeling Limited“, „The Grand Budapest Hotel“, „The French Dispatch of the Liberty“, „Asteroid City“ etc.).
Als dieser heiße Stoff zu Ende konsumiert war, merkte ich schmerzhaft den psychischen Entzug. Und war umso begeisterter, als für Ende Mai, Anfang Juni 2025 ein neues Werk angekündigt wurde, das die Kinos dieser Welt heimsuchen sollte.
Ich kam auf meine Kosten. Das Vergnügen an dieser zur Perfektion gebrachten Verschrobenheit war maximal. Wo andere Mitmenschen sich weiter stoisch ihre Popcorns und XL-Colas mit starrem Blick auf die Leinwand einverleibten, musste unsereins darauf achten, die Contenance nicht zu verlieren und ungehemmt den Inhalt der Bierdose über das Auditorium zu prusten.

Atemberaubende Kombination schräger Charaktere

Nicht, dass die Handlung zweitrangig wäre, aber dieser Film lebt von den unzähligen Details. Achtung, Spoileralarm: Das beginnt bei der Wahl des eigentümlichen, fast quadratischen Bildformats. Dann die berüchtigten Kompositionen von Farben und Bühnenbild. Die atemberaubende Kombination verschiedenster Charaktere von verschwörerischen Kreisen der Wirtschaftsmagnaten über hohe kirchliche Würdenträger bis zu kommunistischen Freiheitskämpfern. Alle haben munter Platz in der Handlung. Dazu gesellt sich ein zweiter Handlungsstrang, der in einer sphärischen Umgebung spielt, farbfrei, geradezu mythisch.

Wechselbad zwischen Frömmigkeit und kriminellem Pragmatismus

Dieser Film wäre zudem ein anderer, wenn Wes Anderson nicht die Figur von „Liesl“ eingefallen wäre, der Tochter des Protagonisten. Und wenn diese Figur nicht eine angehende junge Ordensfrau wäre. Und wenn nicht die geniale Schauspielerin Mia Threapleton diese Rolle übernommen hätte. Sie bringt in diesem Streifen mit ihrem emotionalen Wechselbad zwischen Frömmigkeit und (im Zweifelsfall auch kriminellem) Pragmatismus ein Element ins Spiel, das einem eine permanente Zwerchfellreizung verursacht.
Die fromme Liesl macht Verwandlungen im Filmverlauf durch, auch wenn sie bis vor dem Epilog immer in ihrer Novizinnenkluft bleibt. Sie trägt plötzlich grüne Seidenstrümpfe; lässt sich zu Bier und Drinks überreden, die sie prinzipiell ablehnt; trägt einen Dolch am Leib; schminkt sich Augen, Lippen und Nägel; tauscht den bescheidenen Rosenkranz gegen einen glanzvollen; küsst einen Spion; behält die Kiste mit den Handgranaten im Auge.

Grotesk wie das wahre Leben

Die Handlung ist komplett grotesk. Eine unernste Kapitalismuskritik, in der jede Gestalt nach sonderbaren Überzeugungen und Mustern handelt, in der in jeder Richtung eine Katastrophe die andere jagt, ohne die Handelnden von ihren Absichten abzubringen. Also im Grunde wie im richtigen Leben.


Sehr zu empfehlen für Menschen, die sich ohnehin immer im falschen Film fühlen.



Mit Benicio del Toro, Mia Threapleton, Michael Cera, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Benedict Cumberbatch, Charlotte Gainsbourg u. v. a.



Läuft in den meisten deutschsprachigen Kinos bis 12. Juni. Darüber hinaus:

  • Deutschland: z. B. bis 24. Juni: Münster, Schlosstheater.
  • Österreich: z. B. Wien, 1. August: Dachterrasse der Hauptbücherei Urban-Loritz-Platz (O.m.U.); 13. August, Filmarchiv Augarten; 16. August, Metro Kinokulturhaus.
  • Schweiz: z. B. St. Gallen bis 13. Juni: blue Cinema Scala.

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