Was aus Flamenco wurde, als Lucía Álvarez’ Absatz über das Parkett schliff

Rezension der Vorpremiere des Programms „Lucía en vivo“ der Tänzerin Lucía La Piñona

In einen Wimpernschlag der Stille getaucht, füllt das Geräusch des Schuhabsatzes, der von der Tänzerin in weitem Bogen über das Parkett gezogen wird, den Saal. Das Schleifen übertönt sachte den eigenen Atem. Dann kehrt sie zurück ins Wechselspiel von Anmut und wilder Trance.
Samstag, 15. Februar. Es war Zufall. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Wir hatten Karten für eine Vorpremiere. In der ersten Reihe. Andere fürchten sie, ich liebe die erste Reihe. Man ist mittendrin, fast auf der Bühne. Du siehst jede Spannung, jeden Groove der Künstler. Du hörst selbst eine Nadel fallen. Und bist gefangen im Sound und in der Magie der Performance.

Ausschnitt aus der Performance im Teatro Villa de Torrox vom 15. Februar 2025 auf der Insta-Site von „Flamenco Festival“, einer der größten Flamenco-Plattformen (10.000 Follower Instagram, 18.000 Facebook).

Ästhetik, Wucht, Kunst

Lucía Álvarez kommt aus Jimena de la Frontera, Provinz Cádiz in Andalusien. In einem ambitionierten Kaff an der Küste Málagas hatten sie und ihre Crew sich eine Woche lang in Klausur begeben, eine neue Produktion geprobt.
Von außen betrachtet, als Nichtspanier, ist es beeindruckend, dass eine Tradition und Kunstgattung wie der Flamenco in all seinen Facetten – Tanz, Gesang, Musik, Instrumentierung, Bekleidung und Ausstattung – auch von den neuen Generationen hochgehalten wird.
Dabei gibt es – abgesehen von kommerziellen Auswüchsen –, mindestens zwei Stoßrichtungen: die Konservierung und die Weiterentwicklung.
Beides hat seine Berechtigung, mit seiner jeweiligen Ästhetik, Wucht und Kunst. In meinem Beitrag über das DJ-Duo Mëstiza habe ich bereits darüber gesprochen.

In diesem 2019 erschienenen Video beweist Lucia Álbarez’ ihre Souveränität im klassischen Flamencotanz. Das neue Programm allerdings geht künstlerisch weiter und modernisiert den Flamenco radikal.

Psychedelic-Punk-Flamenco

Lucia und ihre Truppe verschmelzen auf der Bühne die ohnehin schon mitreißende Power des traditionellen Flamencos musikalisch, tänzerisch und kostümbildnerisch mit Anleihen aus Psychedelic Rock, Punk und anderen erfrischend kraftvollen Ideen.
Lucia ist der Fusionsreaktor des Ensembles, mit ihrer Verwandlungskunst, ihrem geradezu akrobatischen Flamenco, ihrer Ausstrahlung, ihrer Bühnenpräsenz und ihrem Publikumskontakt. Unter ihren Kostümen, die sie auf offener Bühne wechselt, trägt sie mit gutem Grund Knieschützer.
Alle Musiker – E-Bass, Schlagwerk, Gesang und Flamenco-Gitarre – sind Universen für sich. Doch der E-Bass mit seiner virtuosen, psychedelischen, oft an frühe Pink-Floyd-Stücke erinnernden Spielweise setzt dem Sound den Stempel auf.
Die Stimme des Sängers bildet den Gegenpol mit seiner auf alte Vorbilder zurückgreifenden Vokalisierung. Klassisch und virtuos der Gitarrist.
Wie der Elektrobassist ungewöhnlich der Schlagzeuger. Beide transformieren die Performance zu einem ins Rockige driftenden Event; gemeinsam mit dem sich im Energielevel steigernden Tanz.

Auf Knieschonern ins Flamenco-Nirvana

Während der erste Teil der Vorführung noch eher an klassischen Flamenco erinnert, ändert Lucia im Endspurt nicht nur Outfit, Haarstyling, Maske und Knieschoner, sondern tanzt sich auf Podest, Bühne und mit flackernden Spots, die das Dunkel durchdringen, ins Nirwana der iberischen Halbinsel.

Premiere wird am 24. Februar 2025 beim Flamenco-Festival in Jerez de la Frontera gefeiert. Die anschließende Tour ist in Vorbereitung und wird auch ins deutschsprachige Ausland gehen.

Besetzung:
Lucía Álvarez, Tanz
Ramón Amador, Gitarre
Juanfe Pérez, E-Bass
Javier Rabadán, Schlagwerk
Manuel Pajares, Gesang
Regie: Alberto Velasco und Sara Arguijo

luciaalvarezlapinona.com


Discover more from fangfrisch.net

Subscribe to get the latest posts sent to your email.

2 thoughts on “Was aus Flamenco wurde, als Lucía Álvarez’ Absatz über das Parkett schliff

    1. Danke, Stefan! Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich in Zukunft damit angeben werde, dass ein zweifacher Grammy-Preisträger definitiv der Erste war, der einen Kommentar auf meinem neuen Kulturblog hinterlassen hat ;-))

      Like

Leave a comment