Rezension des Werks der haitianisch-kanadischen Jazz-, Soul- und Bluessängerin, die erst über ihren Burn-out zur Musik fand
Zuerst die schlechte Nachricht. Ich löschte den Song. Er wurde verbannt von meinen Ohren, durch Klicken auf das Einbahnsymbol in der App. Meinen Lieblingssong. Denn ich hatte begonnen, seinen Inhalt zu verstehen.
Mein Englisch ist nicht perfekt, um Lyrics ad hoc zu erfassen. Dass ich im balladenartigen Stück – das Dominique Fils-Aimé in dem für sie typischen, sphärenhaften A-cappella-Stil sang, bei dem sie Layer ihres eigenen Gesangs übereinanderlegt – plötzlich Wortfetzen wie „brennendes Fleisch“ vernahm, verstörte mich. Dann las ich den Text „Strange Fruit“ von Abel Meeropol. Blankes Entsetzen.
Es sind Sound, Ausdruck, Komposition die mich bei einem Song zuerst ergreifen. Über einen Algorithmus wurde das Stück in meine Playlist gespült. Ein Klassiker des afroamerikanischen Vokal-Jazz und der Bürgerrechtsbewegung. Sicher hatte ich ihn zuvor von anderen Interpreten gehört, aber nicht beachtet. Vielleicht sogar von Billie Holiday, die diesen Song 1939 berühmt machte, der die 4.000 Lynchmorde an Afroamerikanern in den Südstaaten anprangerte.
Stimme, Seele, Stille
Ich hatte das Universum von Dominique Fils-Aimé kennengelernt. Und das ist die gute Nachricht.
Denn sie wurde eine meiner Favoriten der Musikwelt. Die 40-jährige Kanadierin haitianischer Eltern hatte die letzten sechs Jahre vier Konzeptalben herausgebracht. Ihr Stil im Studio zeichnet sich durch das Übereinanderlegen verschiedener Tonspuren ihres Gesangs aus.
Vor sie sich der Musik zuwendete, studierte sie Philosophie, schrieb, versuchte sich in der Modewelt und arbeitete als Psychologin mit autistischen Kindern. Bis zum Burn-out. Dann entdeckte sie Musik als ihre Therapieform.
Stimme, Seele, Stille sind ihre Instrumente. Mit ihnen arbeitete sie sich durch die afroamerikanische Jazzgeschichte.
In meinen Augen ist sie eine besondere Vertreterin derer, die ehrwürdige Jazzklassiker vor dem Verstauben bewahren und mit quirligem, hochkreativem Geist und Tiefe dieses Erbe ins Heute katapultieren.
Poesie mit unerwarteten Wendungen
2024 gelang ihr, mit einer Single mich erneut zu überraschen. Trotz ihres frankofonen Hintergrunds sang sie bisher (bis auf wenige Passagen) Englisch. Dann veröffentlichte sie „Moi je t’aime“. Auf Französisch. Zutaten: Stimme, Streicher, Stille.
Ich dachte, es sei ein Cover eines Chansons, das ich nicht kannte. Doch es ist eine Eigenkomposition. Ihre Texte sind Storytelling und frappieren mit unerwarteten Wendungen. Beziehungskummer ist bei ihr, wie bei vielen anderen, ein häufiges Motiv. Sie geht das aber mit markanter Poesie an, die im Kontrast zu souligem Gesang und sphärischem Sound steht. Kloß im Hals und Tränen in den Augen des Hörers inbegriffen.
Sound geht vor Show
2020 und 2024 wurde sie mit dem kanadischen Juno Award in der Kategorie „Vocal Jazz Album of the Year“ ausgezeichnet. Live werden die Stimmen-Layer aus dem Studio in eine typische Bandbesetzung umgemünzt: Keyboards, Gitarre, Bass, Schlagwerk, mitunter zweite Stimme, Percussion und Bläser.
Neben dem Stellenwert der Stille gegenüber dem Klang hat für sie auch Sound vor Show Priorität. So findet sich weit mehr Audio- als Videomaterial von ihr im Netz. Ein kleiner, ausgewogener Auszug gibt’s auf den fangfrisch.net-Listen auf Spotify und YouTube. Und so tief mich Dominique’s „Strange Fruit“ anfangs ins Herz stach, es findet sich jetzt wieder auf meiner Playlist.
Headphones on:
Live im deutschsprachigen Raum:
5. März 2025, Stuttgart, Bix Jazzclub
6. März 2025, Landsberg, Stadttheater
21. März 2025, Dortmund, Reinoldihaus, Klangvokal Musikfestival
Besetzung dieser Tour:
Dominique Fils-Aimé, Gesang
Danny Trudeau, Bassgitarre
Étienne Mousse, Gitarre
David Osei-Afrifa, Keyboards
Harvey Bien-Aimée, Schlagzeug