Mëstiza: Wie zwei DJ-Damen Flamenco im Thermomix zu Dance-Beats verquirlen

Live-Session in perfektem Flamenco-Ambiente, Video von Anfang 2024

Rezension der aktuellen Videos und Titel des spanischen Elektrofolk-Duos Pitty Bernad und Belah

Diese Reise beginnt mit einer Fahrt zum Montreux Jazzfestival Samstag, 6. Juli 1991 und endet mit dem Release eines neuen Songs von Mëstiza, Freitag, den 13. Dezember 2024.

Grün hinter den Ohren gurkten wir per umgebasteltem Feuerwehrbus Richtung Genfersee. Nicht ahnend, was uns erwartet. Das Casino bebte. Vor uns der Gott des Flamencos: Camarón de la Isla. Er prägte meine Wahrnehmung dieser Musikgattung. Exakt ein Jahr später sollte er an Krebs sterben.


Eine Ikone, die den Flamenco transformierte. Wie Paco de Lucía oder Ketama, die Flamenco in den Jazz holten, Triana, die ihn rockten, die Gipsy Kings, die ihn kommerzialisierten, Enrique Morente, der ihn in die Weltmusik holte, Anfang der 2000er Chambao mit La Mari, die unverfroren Elektronik mit Folklore verbanden oder aktuell Rosario La Tremendita.

Transformation einer Ethno-Kunstform


Außerhalb Spaniens wird der Flamenco meist missverstanden. Als touristische Bespaßung. Er ist jedoch in fast allen seiner Facetten sowohl populäre als auch hohe Kunst. Seine Ursprünge liegen in der Community der spanischen Roma des 19. Jh.


Tanz, Gesang und das Spiel auf Gitarre & Co. werden auch als postgraduale Ausbildung angeboten. Man kennt Koreanerinnen, Albaner, Deutsche, Österreicherinnen, die in Spanien zu ihrer klassischen Ausbildung zusätzlich Flamenco studieren. Im Idealfall ist man in einen Flamenco-Clan geboren und tanzt, singt und spielt auf Konservatorium-Niveau von Kindesbeinen an.

Video des am 13. Dezember 2024 erschienenen Songs „Báilame“, u. a. mit den Künstlern Águeda Saavedra, Teresa Hernandez, Juan Lavado, Gascano, Angela Bonilla, Enrique Pantoja

Die Uniprof mit Bühnenname Belah aus Málaga und Pitty Bernad aus Albacete, die Journalismus studierte, hatten Solokarrieren als DJs hinter sich, bevor sie sich zum Duo Mëstiza vereinten. Und holen den Flamenco mit ihren auditiven elektronischen Collagen von der Bühne auf den Dancefloor des 21. Jh.


Sie verquirlen mit ihrem DJ-Controller-Thermomix eine abenteuerliche Melange aus Flamenco und Elektronik, dass sich die Gehörknochen biegen.


Vielleicht faszinierender als ihre Live-Auftritte in renommierten Clubs weltweit sind die Videos mit „analogen“ Künstlern, die sie veröffentlichten. Sie bedienen sich nicht nur beim Sound, sondern auch visuell der Ästhetik des Flamencos.

Flamenco-Wurzeln in Club-Sound verquantet


Mëstiza wagt eine Gratwanderung zwischen Flamenco und Elektronik und huldigt zwischen authentisch und überstilisiert diese Subkultur. Das Schöne zeigt sich im Wechselspiel von barockem Überschwang von Kleidung und Ambiente sowie der Originalität und Heterogenität der teilnehmenden Charaktere: Tänzer, Kinder, Schwangere, junge wie auch in die Jahre gekommene Beautés.

Session von Mëstiza (Belah; Pitty Bernad) mit Gitarrist Carlos Salado, Tänzerin Lucía Pedros und Tänzer Daniel Navarro (links über den Damen ein „Heiligenbild“ von Camerón de la Isla)

Die Stücke sind durchzogen von musikalischen und verbalen Zitaten, z. B. den Worten der Schauspielerlegende Paco Rabal aus einer Doku von 1997 im Stück „El Flamenco“ des Albums „Quëreles“ von 2023.

Am 13. Dezember 2024 erschien die neue Single „Báilame“ gemeinsam mit einem Video und einem Live-Auftritt in Madrid. Ästhetisch und musikalisch ein Kondensat der Wurzeln des Flamencos und seines futuristischen, powervollen Weges hinein ins 21. Jahrhundert.

Headphones on:

mestiza.es

Einziger Auftritt im deutschsprachigen Raum (nach Paris, Brooklyn, Toronto, Montreal, Tulum, Bali etc.):

Zürich, Kaufleuten, Klubsaal, 25. Januar 2025, 23:00 Uhr.