Rezension der nach drei Jahren Pause erschienenen Songs der irisch-bangladeschischen Wonnestimme.
Ist Joy Crookes präsentieren, wie rote Doppeldeckerbusse nach London bringen? Angesichts der fast 19 Millionen Views ihres erfolgreichsten Videos (einst mit 22 Jahren veröffentlicht) und dem ersten mit fast einer Million Views (mit zarten 14 Jahren online gestellt), dürfte ich nicht der einzige Fan ihrer Stimme sein.
Aber dann wurde nach ihren Höhenflügen, die ihre Klimax mit dem Album „Skin“ Oktober 2021 und dem Song „Feet Dont Fail Me Now“ hatten, lange nichts Neues veröffentlicht.
Umso mehr freute ich mich auf ihre Ankündigung zum Jahreswechsel, dass sie heuer was Frisches im Köcher hat.
Soulstimme aus Kardamom
Joy Crookes fiel mir erstmals auf mit ihrem Stück „Anyone But Me“ aus dem ersten Pandemiejahr. Ich dachte, es sei eine Coverversion eines Klassikers, nämlich eines Stücks von Nina Simone. Doch Joy Crookes hatte die Lyrics mit markanter Poesie und klaren Statements, zwei ihrer Markenzeichen, umgeschrieben. Von einem devoten Liebeslied zu einem scharfzüngigen Song über innere Zerrissenheit. Eingetaucht in eine Soulstimme aus Kardamom, Zimt, Koriander und Chili, die einen an ein Curry vom Golf von Bengalen erinnert, zugleich zartschmelzend wie irische Butter.
Kurzum, von dieser jungen Sängerin, so konnte ich feststellen, gab es keinen Song, der mir nicht gefiel. Selbst Stücke im Duett mit ebenso frischgemüsigen Rappern, wie auf der Single „Early“ mit Percy „Jafaris“ Chamburuka, sind eingängig, ohne trivial zu sein.
Neue Songs, neues Album, neue Tour
Dann kam ihre neueste Single am 10. Januar 2025. Mit deren Sound konnte ich nichts anfangen. Sie fällt musikalisch aus dem Rahmen dessen, was sie früher veröffentlicht hatte. Ironischerweise interpretiert „Musicmatch“ den Inhalt des durchaus starken Textes als eine Aussage, sich selbst trotz äußeren Drucks treu zu bleiben.
Musikalisch aber war ich konsterniert. Mittlerweile hat Joy Crookes Februar, März und Mai neues Material nachgeliefert. Sowie für September das Album „Juniper“ und für November, Dezember eine Europatour angekündigt.
Die drei anderen neuen Stücke fügen sich in ihren bekannten Stil ein. Mit der goldenen, souligen Stimme und warmer Instrumentierung: der eigenständige E-Bass; in „Mathematics“ und „Carmen“ auch das charakteristische Keyboard, das, wenn mich mein Ohr nicht trügt, bezaubernd nach minimal verstimmtem Piano klingt; und die Streicher.
Videos mit Overkill
Beim Song Mathematics gibt ab Minute zwo der Rapper Kano eine Wortspende. Wie man im YouTube-Video „Mathematics – Live from the Bingo Hall“ erkennen kann, ist dieser Gastbeitrag, bei allem Respekt vor Kanos Sprachakrobatik, entbehrbar. Live jodelt er nämlich nicht mit. Und Joy singt ihn in der Studioversion ohnehin an die Wand.
Musikalisch ist sie sich bis auf den Song „Pass The Salt“ treu geblieben. Inhaltlich nicht unbedingt. Die Texte scheinen mir, außer bei „Carmen“, weniger Tiefgang zu haben, die Sprache weniger akzentuiert zu sein. Auch die neuen offiziellen Videos sind in ihrer Überinszenierung gut gemeint, aber für mich altem Hasen eher ein Overkill. Glücklicherweise wurden parallel dazu die Sessions aus der „Bingo Hall“ veröffentlicht, die viel natürlicher sind und nicht von der Musik ablenken.
Streicher, Ästhetik, poetische Statements
Meine wirklichen Favorits sind ihre früheren Songs. Allen voran „19th Floor“ und „London Mine“, zwei Hymnen auf ihre Geburtsstadt und ihre soziale Herkunft, sowie „No Hands“ und „Man’s World“, zwei geradewegs feministische Songs.
Und bei „19th Floor“ bevorzuge ich absolut die Video-Version der Mahogany Sessions. Begleitet nur von einem Streicherensemble in den historischen Docklands in East London. Ohne Schlagzeug oder anderen Schnickschnack ist der voluminöse Streicher-Sound gepaart mit dem Inhalt des Songs wirklich erhebend.
Ästhetisch empfehlenswert sind auch die beiden Videos „Feet Don’t Fail Me Now“ und „When You Were Mine“, die sowohl ihre bangladeschischen Wurzeln als auch ihre Londoner Gegenwart aufgreifen.
All das findet sich in den Playlists unten.
Und natürlich bleibt sie trotz meiner kritischen Zwischentöne in dieser Rezension eine meiner Favoriten. Ich hoffe, ihr neues Album, das im September erscheint, bestätigt mich in dieser Haltung.
Im deutschsprachigen Raum wird sie auf ihrer Tour an folgenden Orten zu sehen sein:
Hamburg, Docks, 28. November 2025
Köln, Live Music Hall, 29. November 2025
Zürich, X-tra, 1. Dezember 2025
Berlin, Tempodrom, 4. Dezember 2025
Playlists: Fangfrisch.net Special 02 Joy Crookes
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