Wie Dominique Fils-Aimé ihr Studio-Soulstimmen-Spiegelkabinett auf die Live-Bühne hext

Kurzer Mitschnitt des Stücks „To Walk A Way“ im Bix Jazzclub, Aschermittwoch 2025


Rezension des Stuttgart-Konzerts von Dominique Fils-Aimé inklusive anmaßender Tipps für die Künstlerin

Wie die acht unbedarften Ohren, die ich mitschleppte, so wünschte ich, wäre ich in dieses Konzert letzten Aschermittwoch in den Bix-Jazzclub hineingestolpert. Begeistert wäre ich gewesen, wie sie. So ging es mir wie mit einem Kinofilm, von dem ich bereits die tausendseitige Buchvorlage verschlungen hatte.
Dominique ist eine begnadete Soul-Vokalistin. Sie hat Charisma. Und als Jazzmusikerin hat sie alle Freiheit, das vor dem Mikro zu tun, was ihr Spaß macht. Aber letztlich untersteht auch das, was ein Künstler vor seinem Publikum anstellt, gewissen Regeln.
Diese Regeln gestaltet er/sie selbst. Durch die künstlerische Biografie. Und damit, durch die Erwartungen, die in seiner Fangemeinde geweckt werden.

Wie ihren Studiostil auf die Bühne zaubern?

Der relativ kleine Club war zum Bersten voll, Musiker und Publikum in guter Laune

Ich kenne ihre Releases der vergangenen Jahre und Monate. Ich bewundere ihren Studiostil. In meiner Rezension vom Januar 2025 ist das dargelegt. Alle Interviews auf YouTube und Co. habe ich mir einverleibt. Alle Alben, alle Singles, alle Lyrics. Recherche aus Interesse an Details ihrer Philosophie und ihres Werks.
Wie ihr spezieller Layer-Stil – bei dem sie alle Stimmen ihrer Songs selbst singt – auf die Bühne transformiert wird, war das große Fragezeichen. Was auf den Alben und Singles ihre übereinandergelegten Stimmen und oft Streicher vollbrachten, sollte hier mit einer typischen Jazzbesetzung gelingen: Gitarre, E-Bass, Schlagwerk, Keyboards. Ohne jegliche Backup-Sänger.

Stuttgarter Bix-Jazzclub ausverkauft

Okay, das Konzert war ein Erfolg. Im Bix-Jazzclub konnten selbst Glückstrunkene, Schulter an Schulter gepresst, nicht umfallen. Der Jubel war groß. Dominique und ihre Band wurden von der Menge zu einer Zugabe gedrängt, die alle Qualitäten der Musiker noch einmal hervorhob, eigentlich noch klarer als im restlichen Konzert.
Doch als Fan war ich über weite Teile in gewisser Weise irritiert. Es begann mit einem Medley als Einleitung. Fünf, sechs Songs gingen da nahtlos in den ersten Minuten ineinander über. Applaus. Sie meinte, fortan sei weniger Applaus notwendig und man könne die Augen schließen und genießen. So weit, so gut. Aber es ging weiter mit Stücken, deren Ende und Anfang verwischt ineinander übergingen. Sie gaben dem Publikum keine Chance, einzelne Songs klar zu identifizieren und mit Applaus oder anderen Bezeugungen der Entzückung gebührend zu huldigen.

Das undankbare Schicksal des eingefleischten Fans

Überhaupt, durch dieses Konzept der Präsentation von Auszügen ihres Werks, verschwanden deren Konturen in einem Nebel der Vermischungen. Die Ohren fanden sich mutterlos in neuen Songs wieder, ohne sich vom jeweils vorangegangenen verabschieden zu können. Das konnte der Freude der Zuhörer keinen Abbruch tun. Aber meiner Meinung nach entfalteten die Songs so weiter weniger Sprengkraft, als musikalisch und poetisch in ihnen steckt. Sie hatten trotzdem Power.
Am irritierendsten fand ich das bei ihrem neuesten Song und ersten Chanson auf Französisch. Es gibt davon als Single sogar eine reine A-cappella-Version; und eine mit Kontrabass und weiteren Streichern. Beide sind ergreifend. Und in beiden sind Takte der Stille ein wesentliches Element, um Spannung aufzubauen. Warum präsentiert sie einen nigelnagelneuen Song nicht so, wie sie ihn wenige Wochen zuvor veröffentlichte? A-capella! Dem Publikum wäre nicht nur dreißig Sekunden, sondern drei Minuten das Blut in den Adern geronnen.

Zweieinhalb anmaßende Tipps:

Ich war trotz dieser Einwände glücklich, Dominique Fils-Aimé erstmals live gehört zu haben. Aber nach dem Gesagten kann ich mir folgende anmaßende Tipps nicht verkneifen.
Option eins: Warum nicht eine Tour mit zwei Backup-Sängerinnen und drei Streichern?
Option zwei: Warum nicht Konzerte mit der bestehenden Band, aber traditionell mit einzelnen Songs, die einen Anfang und ein Ende haben? Plus Raum für mehr Profilierung der Instrumentalisten, so wie das in der Zugabe-Session wunderbar in Erfüllung ging!
Vielleicht ist die Antwort darauf „nein“: Weil Künstler letztlich das tun sollten, was sie für richtig finden.


Letztes Konzert der aktuellen Europatournee im deutschsprachigen Raum:

21. März 2025, Dortmund, Reinoldihaus
Besetzung und weitere Infos siehe meinen Blogeintrag vom Februar 2025


Playlist: Fangfrisch.net Special 01 Dominique Fils-Aimé


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