
Versuch einer Rezension des Stücks „Wir haben versagt“
Um dieser Aufführung gerecht zu werden, eine Gebrauchsanleitung: Werden Antworten auf den Titel des Stücks geliefert? Maybe. Um maximales Vergnügen aus der Tragödie zu ernten, hege man keine Erwartung.
Man traue sich, dank des beharrlichen Selbstironie-Hintergrundrauschens zu lachen, bei Ergreifendem zu weinen und den Spiegel zu erkennen, der uns Weicheiern vorgehalten wird.
Nach Valie Export, Mühl und Brus in den 1960ern besitzt Nacktheit in Performances keinen Neuigkeitswert mehr. Ensemblechef Martin Gruber muss nicht alsdann ins Exil. Allerdings werden wohl auch kaum rechtsextreme Wähler auf die „gute“ Seite der Welt geholt.
Dennoch ist ein Tabubruch, wohnt man ihm unmittelbar in einem Theater bei, etwas, das uns auch ein halbes Jahrhundert später aufwühlt.
Vielleicht wird das Stück dem Titel „Wir haben versagt“, am besten in der beiläufigen Erzählung des Versuchs, Niedrigschwelliges in die Provinz zu tragen, gerecht. Etwas, was ihr, liebes aktionstheater, nicht tut. Sonst würde es uns keinen Spaß bereiten.
Indes, so werden wir auch in Zukunft versagen.
Doch haben wir versagt?
Wer die von scheinheiligem Katholizismus bis zum Erbrechen miefende Kloake des ausgehenden 20. Jh. noch miterlebt hat, weiß: Wir leben heute in einem – nicht perfekten – Paradies.
Manchen ist das zu viel. Wir überschreiten Grenzen in einem Tempo, das wohl nicht gut ist. Wir irren uns empor.
Es gibt wohl keine Sekunde, in der in diesem kurzweiligen Happening unsere Neuronen nicht feuern. Zeynep Alan, Monica Anna Cammerlander, Thomas Kolle, Danielle Pamp und Benjamin Vanyek sind brillant.
Wenn – Spoileralarm! – am Ende Leonard Cohens „If it be your will“ von Danielle Pamp, Gesang, und Jean Philipp, Violine, angestimmt wird, Thomas nackt mit Monica einen Tanz aufs Parkett legt, verdichtet sich die Einsicht, dass der Souverän, das Volk gesprochen hat. Trump und Putin sind gewählt, sind Wille des Volkes. Nur, dass wir uns die Konsequenzen der Parole „Power to the people“ einst anders vorgestellt hatten.
35 Jahre aktionstheater ensemble
„Wir haben versagt – eine performative Selbstanklage.“
Die Uraufführung war am 3. Dezember 2024.
Konzept: Martin Gruber. Dramaturgie: Martin Ojster. Musik: Jean Philipp. Bühne und Kostüm: Valerie Lutz. Video: Resa Lut. Film: Julius Hellrigl. Regieassistenz: Sanna Hufsky.
Noch 5./6./7. Dezember am Spielboden Dornbirn, Österreich, 12./14./15./16./17./18./19. Januar 2025 Theater am Werk, Wien.
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